Mein Name ist Doro, ich bin Praktikantin bei CodeCamp:N im Business Development und habe vor ein paar Wochen ein Each1Teach1 über Gendermedizin gehalten. Was ich bei der Recherche darüber gelernt habe, möchte ich euch nicht vorenthalten.

Stelle dir zu Beginn diese Situation vor:
Eine Frau mit Schmerzen im Bauch- und Kopfbereich sowie einem allgemeinen Unwohlsein und Übelkeit geht zum Arzt. Sie bekommt etwas gegen die Übelkeit verschrieben und wird wieder nach Hause geschickt. Ein paar Tage später macht sie sich auf den Weg ins Krankenhaus, da sie sich noch nicht besser fühlt. Die Diagnose des niedergelassenen Arztes wird bestätigt und sie wird wieder mit einem Rezept gegen die Übelkeit nach Hause geschickt. Die Frau hält die Schmerzen ein paar Tage aus, aber entschließt sich dann doch nochmal ins Krankenhaus zu gehen. Hier hat eine Ärztin Dienst und wird bei der Anamnese direkt aufmerksam. Es wird ein EKG gemacht – Diagnose: Herzinfarkt.

Ein Mann mit Schmerzen in der linken Brust, die in den linken Arm streuen kommt zum Arzt – die Diagnose ist schnell klar: Herzinfarkt.

Beide Personen haben die gleiche Diagnose aber mit komplett anderen Symptomen! Wie kann das sein? Und wie kann es sein, dass die Frau deutlich länger auf die Diagnose warten muss?1

Dies war eine fiktive Geschichte, die aber schon genau so passiert ist.

Was ist Gendermedizin?

Bevor wir diese Frage beantworten, müssen wir erstmal klären, was sich eigentlich hinter dem Begriff „Gendermedizin“ versteckt:

Gendermedizin, auch geschlechtsspezifische Medizin genannt, beschäftigt sich mit verschiedenen Komponenten:

  • Welche Auswirkungen haben sex und gender auf die Behandlung von Patienten und Patientinnen? Also die Identifikation biologischer und psychosozialer Unterschiede zwischen den Geschlechtern:
    • sex = biologisches Geschlecht
    • gender = soziales Geschlecht
  • Welchen Einfluss haben diese Unterschiede auf deren Erkrankung, Therapie und deren Umgang mit Gesundheit?



Ziel der Gendermedizin ist es, durch das gezielte Adressieren beider Gruppen eine bessere Behandlung zu gewährleisten – für alle Geschlechter!2

Und das ist ganz wichtig: Gendermedizin richtet sich an ALLE Geschlechter und untersucht nicht nur eine Richtung.3

Die Geschichte hinter der männlichen Maus

Medikamente werden in der Regel an jungen männlichen Mäusen getestet – an ihnen werden Arzneimittelwirkungen, Nebenwirkungen und die Arzneimittelsicherheit festgemacht.4 Der erste Gedanke, der mir hier direkt kommt ist: Der Körper einer jungen männlichen Maus ist irgendwie schwer vergleichbar mit dem Körper einer mittelalten Frau oder?

Ja! Aber warum werden denn die Forschungen nicht an weiblichen Mäusen gemacht? Die könnte ich eher als Vergleich zu Frauen sehen. Der Grund hierfür ist, dass der Zyklus der Frauen das Ergebnis verfälschen könnte.5

Unterstützend zu dieser Aussage kam in den 60er Jahren auch noch der Contergan-Skandal hinzu: Ein Beruhigungsmittel, das viele schwangere Frauen gegen die morgendliche Übelkeit einnahmen. Nachdem daraus entstehend tausende Kinder mit Fehlbildungen auf die Welt kamen, wurden Frauen regelrecht aus der Forschung ausgeschlossen.6

Wer an Frauen Arzneimittelforschung durchführen möchte, braucht deutlich mehr Probanden, um an verlässliche Ergebnisse zu kommen. Das ist natürlich mit mehr Zeit und Geld verbunden.7

Warum brauchen Männer und Frauen eine unterschiedliche Medizin?

Frauen und Männer haben einen sehr unterschiedlichen Körper. Angefangen bei den weiblichen und männlichen Chromosomen über Enzyme, den Körperbau bis hin zu Hormonen.

Frauen haben einen deutlich höheren Körperfettanteil, wohingegen Männer einen höheren Muskelanteil im Körper haben. Die Enzyme der Frauen arbeiten ganz anders, wodurch Medikamente teilweise deutlich langsamer abgebaut werden als bei Männern. So kommt es dazu, dass Frauen in der Regel eine zu hohe Dosis verschrieben bekommen, da Medikamente in ihrem Körper länger wirken als bei Männern.8

Die Einstiegsgeschichte hat euch auch schon gezeigt, dass Frauen und Männer bei gleicher Erkrankung unterschiedliche Symptome zeigen können. Diesen Aspekt sollten Ärztinnen und Ärzte auf jeden Fall bei der Diagnosestellung beachten.

Ausblick

Wie wird sich das Thema Gendermedizin in den nächsten Jahren entwickeln?

Bisher gibt es in Deutschland leider nur ein einziges Institut, das bezüglich Gendermedizin forscht: die Charité in Berlin.9

Ich finde das wirklich erschreckend und hoffe, dass sich in nächster Zeit noch mehr Forschungsinstitute mit diesem Thema beschäftigen und weiter in diese Richtung forschen.


1 Vgl. BR Mediathek vom 20.08.2019, Warum brauchen wir Gendermedizin? (https://www.br.de/mediathek/video/prof-dr-med-dr-hc-vera-regitz-zagrosek-warum-brauchen-wir-gendermedizin-av:5a1c7d29de024f0018cfdb13)
2 Vgl. BR Mediathek vom 20.08.2019, Warum brauchen wir Gendermedizin? (https://www.br.de/mediathek/video/prof-dr-med-dr-hc-vera-regitz-zagrosek-warum-brauchen-wir-gendermedizin-av:5a1c7d29de024f0018cfdb13)
3 Vgl. Süddeutsche Zeitung Magazin, Nummer 21, 24.Mai 2019, Mareike Niederding
4 Vgl. https://www.deutschlandfunkkultur.de/vera-regitz-zagrosek-aerztin-fuer-gendermedizin-frauen-sind.970.de.html?dram:article_id=458542, Zugriff am 23.06.2020
5 Vgl. https://www.deutschlandfunkkultur.de/vera-regitz-zagrosek-aerztin-fuer-gendermedizin-frauen-sind.970.de.html?dram:article_id=458542, Zugriff am 01.07.2020
6 Vgl. https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-02/gendermedizin-gesundheit-aerzte-patient-medikamente-maenner-frauen-gleichberechtigung, Zugriff am 25.06.2020
7 Vgl. https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-02/gendermedizin-gesundheit-aerzte-patient-medikamente-maenner-frauen-gleichberechtigung/seite-2, Zugriff am 25.06.2020
8 Vgl. https://www.vamed.com/de/presse-newsroom/medizinische-fachartikel/prof-kautzky-willer-was-ist-gender-medizin-teil-2/, https://www.vamed.com/de/presse-newsroom/medizinische-fachartikel/prof-kautzky-willer-was-ist-gender-medizin-teil-3/, Zugriff am 23.06.2020

9 Vgl. https://www.deutschlandfunkkultur.de/vera-regitz-zagrosek-aerztin-fuer-gendermedizin-frauen-sind.970.de.html?dram:article_id=458542, Zugriff am 01.07.2020