Das Auge ist zweifellos eines der faszinierendsten Organe das der Mensch besitzt. Wohin und vor allem wie der Blick eines Menschen verläuft, interessiert die Wissenschaft schon seit langer Zeit. Eine Möglichkeit nachzuverfolgen, wie und auf was jemand schaut, bietet das Eyetracking.

Für unser Usability Labor haben wir im CodeCamp:N seit Ende September 2020 ein eigenes Eyetracking System. Wie Eyetracking funktioniert und wie wir das im CodeCamp:N nutzen erzähle ich im folgenden Blogbeitrag.

Grundlagen Eyetracking

Beginnen wir mit ein paar Grundlagen des Eyetrackings:
Generell bezeichnet das Eyetracking eine Methode, mit der man den Blickverlauf einer Person sichtbar machen kann. Anhand diesem Blickverlauf lässt sich feststellen, welche Bereiche oder Elemente für Nutzer besonders interessant sind oder welche gar nicht betrachtet werden.
Grundlage für jede Form von Eyetracking bildet die Eye-Mind-Hypothese. Diese besagt, dass man über das was man anschaut auch nachdenkt.

Schaubild der Eye-Mind-Hypothese

Heißt also, bezogen auf das Bild, schaue ich eine Katze an, denke ich auch über eine Katze nach. Dies ist besonders bei der Auswertung und Nutzung von Eyetracking Testergebnissen wichtig.

„Halt Stopp, so stimmt das aber nicht. Nicht alles, was meine Augen sehen, ist danach auch sofort das, was ich denke“, werden jetzt sicher einige von euch denken. Das ist richtig und lässt sich dadurch erklären, dass nicht jede Augenbewegung immer bewusst ist bzw. nimmt das Auge nicht alles wahr, was es sieht.
Das hört sich erst einmal komisch an, wenn man aber genauer betrachtet wie mit den Augen gesehen wird und wie das wiederum verarbeitet wird, ergibt das Sinn. Und ist nebenbei super hilfreich, um die Funktionsweise von Eyetracking zu verstehen.

Unser Auge hat mehrere Bestandteile. Retina, Iris, Pupille und Linse beispielsweise sind den meisten Menschen ein Begriff. Für das fokussierte Sehen spielt aber ein weniger bekannter aber mindestens genauso wichtiger Bereich eine Rolle: die Fovea. Bei der Fovea handelt es sich um einen kleinen Bereich auf der Retina (Netzhaut). Nur der Bereich, den die Fovea erfassen kann, wird wirklich scharf gesehen. Je weiter Dinge vom fovealen Blickfeld entfernt sind, desto unschärfer werden sie wahrgenommen

Bezogen auf die Eye-Mind-Hypothese bedeutet das, dass nur die Dinge, die im fovealen Sichtfeld liegen auch wirklich vom Auge gesehen werden und auch nur diese im Gehirn verarbeitet werden.

Funktionsweise Eyetracking

Was passiert jetzt allerdings genau beim Eyetracking?

Generell kann man zwischen zwei Arten von Eyetracking Systemen unterscheiden. Es gibt bildschirmbasierte Eyetracker, die man am Display anbringen kann und tragbare Eyetracker, wie etwa Brillen, die Personen auf dem Kopf platzieren können.

Beispiel eines bildschirmbasierten Eyetrackers (hier: Tobii Pro Nano)

Beide Arten von Eyetrackern funktionieren ähnlich. Sie können aufzeichnen, wohin eine Person schaut, also was jemand in das foveale Sichtfeld nimmt.

Wohin eine Person schaut, macht der Eyetracker an drei Dingen fest, die er messen kann:

  1. Fixationen
    Fixationen sind Punkte, die von den Augen fixiert, also genauer betrachtet werden. Eine Fixation ist meist zwischen 100 – 600 Millisekunden lang. In dieser Zeit verarbeitet das Gehirn was das Auge sieht, Informationen werden also aufgenommen. Die Länge einer Fixation kann Aufschluss über kognitive Aktivitäten geben.
  2. Sakkaden
    Sakkaden sind schnelle Bewegungen der Augen von einer Fixation zur nächsten. Die Sakkaden sind in der Regel zwischen 20-40 Millisekunden lang und beide Augen bewegen sich stets in die gleiche Richtung. Anders als bei der Fixation kann das Auge während der Sakkaden nur sehr eingeschränkt sehen, es findet also auch keine Verarbeitung von Informationen im Gehirn statt. Lange und häufige Sakkaden können Indiz und Aufschluss über Verwirrung und Probleme geben.
  3. Offene und verborgene Aufmerksamkeit (im Englischen auch overt and covert attention genannt)
    Der Eyetracker kann die offene Aufmerksamkeit, also die Aufmerksamkeit des Auges bzw. den fovealen Sehbereich messen. Die verborgene Aufmerksamkeit (Aufmerksamkeit des Gehirns) wiederum kann vom Eyetracker nicht gemessen werden. Diese bestimmt aber wohin die offene Aufmerksamkeit, also das Sichtfeld, als nächstes fällt.



Meist hat der Eyetracker auch direkt eine zugehörige Auswertungssoftware, in der sich die Blickbewegungen analysieren und auswerten lassen. In der Software können anhand von Visualisierungen wie Heatmaps Blickverläufe aufgezeigt werden.

Heatmap mit Blickverläufen

Eyetracking im CodeCamp:N

Wir im CodeCamp:N Usability Lab nutzen ein Eyetracking System von Tobii. Genauer nutzen wir den Tobii Pro Nano, der auch auf dem oberen Bild zu sehen ist und die Auswertungssoftware Tobii Pro Lab. Wir haben uns für den Tobii Pro Nano entschieden, weil dieser an unterschiedliche Endgeräte angebracht werden kann und uns so maximale Flexibilität und Mobilität ermöglicht.

Um die Software auch an mobilen Endgeräten testen zu können, haben wir zusätzlich das Mobile Testing Accessory von Tobii. Dabei handelt es sich um eine Vorrichtung für den Eyetracker, in die das Handy eingespannt werden kann. Per Kabel kann dann eine Videoübertragung stattfinden.

Mobile Testing Accessory

Wir nutzen das Eyetracking System, um unsere Usability Tests (Link zum Blogpost Usability Testing: https://codecamp-n.com/blogs/2020-06-08-usability-testing.html) um das Blickverhalten der Tester zu ergänzen. Die bisherigen Tests haben uns gezeigt, dass sich durch die Auswertung und Interpretation der Blickbewegungen neue Problembereiche der Tester identifizieren lassen und deren Aussagen bestätigt werden können. Weiter können wir den Flow des Users durch seine Augenbewegungen besser verstehen.

Du möchtest auch wertvolle Einblicke in das Verhalten der Nutzer bekommen und einen Eyetracking Test machen? Melde dich gerne unter usabilitytesting@codecamp-n.com und wir besprechen bei einem (virtuellen) Kaffee die Möglichkeiten